Vorwort von Cem Özdemir

Schon in den 1960er Jahren besangen türkische Arbeitsmigranten in dem Volkslied “Almanya acı vatan” die bittere Heimat, in diesem Fall Deutschland. Beklagt wurde die Trennung von der Heimat und der Familie, die man verlassen hatte, um in ein unbekanntes Land aufzubrechen und dort zu arbeiten. Der Schmerz, um den es in dem vorliegenden Buch von Gülcin Wilhelm auch geht, kam erst später. Er ist aber ebenso eine unmittelbare Folge des Deutsch-Türkischen Anwerbeabkommens aus dem Jahre 1961, dessen 50. Jahrestag wir in diesem Jahr begehen.
Hunderttausende waren aus Anatolien nach Deutschland und in andere europäische Länder ausgewandert. Ausgewandert? Nicht wirklich. Denn der Plan war, einige Jahre im Ausland hart zu arbeiten und dabei möglichst viel Geld zur Seite zu legen, um danach in der eigentlichen Heimat etwas aufzubauen. Der kleine Laden, das eigene Haus, die Hochzeit, die Ausbildung der Kinder - all das sollte die Entbehrungen, Trennungen und Sehnsüchte rechtfertigen.
Viele, die in die neue Welt aufbrachen, hatten schon kleine Kinder. Wenn beide Elternteile sich aufmachten, verblieben die Kinder oftmals bei den Großeltern. Noch schlimmer erging es jenen, deren Eltern auch nach vielen Jahren unschlüssig waren, wo denn nun ihr Lebensmittelpunkt war. Die Folge war, dass die Kinder hin- und hergeschickt wurden. Während die Großmutter zu einer Art Ersatzmutter wurde, blieben einem die eigenen Eltern aufgrund des nicht entwickelten Urvertrauens schmerzhaft fremd. In manchen Familien lebte der älteste Sohn in der Türkei und besuchte dort die Schule, während die in Deutschland geborenen Kinder die Türkei nur als Urlaubsland kannten. Ein brüderliches und schwesterliches Verhältnis konnte sich so kaum entwickeln.
Ich erinnere mich gut an Freunde, die sich nach dem Regierungswechsel 1982 von Helmut Schmidt zu Helmut Kohl und der Einfühung der Rückkehrhilfeförderung die Frage stellten, ob sie die angebotenen finanziellen Hilfen annehmen und Almanya endgültig den Rücken kehren sollten. Ich einen Fall setzte sich der Sohn durch und blieb in Deutschland, während die Eltern in die Türkei zurückkehrten. Er besuchte als einziger von uns Deutsch-Türken das Gymnasium. Man kann sich kaum vorstellen, wie es ihm ergangen sein muss, so ganz ohne Eltern. Ganz anders erging es der älteren Tochter einer befreundeten Familie. Sie sah ihre in Deutschland lebenden Eltern nur von Sommerurlaub zu Sommerurlaub, den unsere Familien gemeinsam in der Türkei verbrachten. Während das Ende des Urlaubs für mich die gemeinsame Rückfahrt mit meinen Eltern nach Deutschland bedeutete, war es für sie die Trennung von Mutter und Vater – für ein langes und schmerzliches Jahr. Ihre Tränen werde ich nie vergessen.
Ihre Eltern haben sie bestimmt genauso geliebt wie die meinen mich geliebt haben. Aber sie haben, wie viele andere Eltern, nicht immer verstanden, wie sehr ihre Kinder sie brauchten, selbst wenn die Trennung von den Kindern auch für die Eltern schmerzhaft war. Das ersparte Geld für ein Haus und andere schöne Dinge des Lebens war für diese Kofferkinder mehr oder weniger ohne Bedeutung, ebenso die vielen tollen Geschenke, die ihnen ihre Eltern zum Trost aus Deutschland mitbrachten. Wie sollte ein solches Geschenk auch nur annähernd die Trennung von den Eltern kompensieren? Ich stelle mir vor, meine deutschen Freunde hätten ihre Eltern einmal im Jahr zu Weihnachten gesehen. Was wären die Geschenke denn Wert gewesen? Als Kind hatte ich sogar Angstträume, dass es mir ähnlich ergehen könnte wie den traurigen Freunden, die ihre Eltern nur für einige Wochen im Sommer um sich hatten. Die Drohung, in die Türkei geschickt zu werden, verfehlte nie die Wirkung, die sie haben sollte. Ich gab nach und schwieg. Nie sollte es mir so ergehen wie den anderen.
Manche der Kinder wurden als Jugendliche, nachdem sie die Schule in der Türkei beendet hatten, nachgeholt und in Deutschland ins kalte Wasser geworfen. Viele leiden noch heute unter der frühen und langen Trennung von Mutter und Vater und konnten nie ein natürliches Verhältnis zu ihren Eltern aufbauen. Nicht immer fällt es den Eltern leicht, zu verstehen, dass sie aus ihrer Sicht ihrer Kindern die falsche Lebensentscheidung getroffen haben, weil sie in den ersten und wichtigsten Jahren der Entwicklung ihrer Kinder nicht da waren, wo Eltern sein sollten, nämlich an der Seite der Kinder.
Was bedeutet das für das Hier und Heute? Eine humane Migrationspolitik sollte Bedingungen, die zur Trennung von Eltern und Kindern führen, sicher nicht fördern – geschweige denn, die Trennung gesetzlich erzwingen. Ich denke dabei an die Lage vieler Kinder und Eltern, die nur geduldet sind und keinen sicheren Aufenthaltsstatus haben. Aktuelle Vorschläge zielen darauf ab, Kindern und Jugendlichen unter Umständen unabhängig von ihren Eltern ein Bleiberecht zu gewähren. Wir sollten unser Grundgesetz ernst nehmen, denn schließlich hält es ausdrücklich fest, dass die Familie unter besonderem Schutze steht.

Berlin, im Juni 2011




Vorwort von Gülcin Wilhelm

Als der Orlanda Verlag mit der Idee an mich herantrat, ein Buch über die sogenannten “Kofferkinder” beziehungsweise “Pendelkinder” aus der Türkei zu schreiben, ging ich zunächst davon aus, dass die betroffenen Menschen einem mir gänzlich unbekannten Personenkreis angehören würden. Ich selbst war freiwillig nach Deutschland gekommen und gehörte damit zu einer anderen Kategorie. Andererseits habe ich natürlich sehr viele Freunde und Bekannte, die hier in Deutschland aufgewachsen sind, deren Geschichten über ihre Kindheit ich kenne. Aber jene, die von ihren Eltern in der Türkei zurückgelassen wurden, die mussten erst ausfindig gemacht werden. So fing ich an, anderen von dem Projekt zu erzählen. Und sehr bald stellte sich heraus, dass die Betroffenen ausgerechnet meine Freunde und Bekannte waren. Allerdings hatte bislang keine/r von ihnen über diese schmerzhafte Phase der eigenen Biografie ein Wort verloren. Mit jeder Person, die ich bezüglich eines Interviewgesprächs ansprach und jeder, die mich darauf ansprach, wurde der Schneeball größer.
Am Ende weiß ich nicht nur, dass und warum das Thema tabuisiert war und ist. Durch die Gespräche mit den Betroffenen und den ExpertInnen, die mich über die Folgen des Trennungserlebnisses aufklärten, kann ich die Komplexität der Emotionen und die Probleme der zweiten Generation türkischer MigrantInnen heute besser überblicken.
Über die erste Generation der MigrantInnen in der Türkei wurde hinreichend geschrieben und diskutiert; es wurden Filme gedreht, Ausstellungen gemacht und Diplomarbeiten verfasst. Ihr Schicksal scheint leichter zu erfassen, die Stereotypen sind schneller abrufbar. Es gibt kaum einen Zeitungsartikel über Einwanderer, der nicht mit türkischen Frauen mittleren Alters  bebildert wird, die sackartige Mäntel, Kopftücher und Einkaufsbeutel tragen. Ähnlich selbstverständlich ist die Thematisierung und Darstellung der dritten Generation. Ihre tagespolitische Präsenz bezogen auf Schul- und Gesellschaftsthemen ist nicht zu übersehen.
Das Bild der zweiten Generation dagegen ist diffus. Einerseits war ein Großteil mit Entbehrungen konfrontiert, die in diesem Buch thematisiert werden. Andererseits sind Angehörige genau dieser Generation heute wichtige AkteurInnen in der Gestaltung der Einwanderungspolitik. In der deutschen Politik- und Medienlandschaft sind sie alles andere als unsichtbar. Das Versagen der Bildungspolitik und die Unwissenheit ihrer Eltern in ihrer Kindheit und Jugend hatten zur Folge, dass sie vieles selbst in die Hand nehmen mussten. Das machte sie lebensfähig, stark, selbstbewusst und ließ sie besser in dieser Gesellschaft ankommen als ihre Vorgänger- und Nachfolgegeneration. Während die Überlebensmechanismen sie einerseits erfolgreich machten, beeinträchtigten sie andererseits oft ihre Beziehungsfähigkeit und standen die Erfüllung des Bedürfnisses nach Liebe und Zuwendung im Wege. Da sich die Betroffenen weder zu Hause noch woanders Gehör verschaffen konnten, verschwiegen sie später einen entscheidenden Teil ihrer Biografie, der im Grunde jedoch ihr ganzes Leben geprägt hatte.
Bevor ich mit den Recherchen begann, sagte mir mein Gefühl, dass es in diesem Buch nur um die Perspektive der zurückgelassenen Kinder selbst gehen sollte. Schließlich waren sie als Kinder mehr oder weniger immer einsam gewesen und nie gefragt worden, ob sie in der Türkei bleiben, nach Deutschland kommen oder bei den Eltern oder Großeltern bleiben wollten. Als Kinder wurden diese Menschen zu “Opfern”, auch wenn sie sich später nicht als Opfer fühlten und mit Spitzenleistungen zu beweisen suchten. Fakt ist jedoch, dass sie noch nie angehört worden waren. Als ich noch überlegte, ob ich die eine oder andere Mutter oder den einen oder anderen Vater befragen sollte, brachte der Blickwinkel der Betroffenen meinen Fokus doch immer wieder auf ihre Situation zurück. Nur einer von 21 Gesprächspartnern sprach davon, dass seine Eltern sich für ihn aufgeopfert hätten, wobei im Laufe des Gesprächs andere Fakten zutage traten, die dies in einem anderen Licht erscheinen ließen. Die Interviewten sprachen sonst immer zuerst davon, verlassen worden zu sein. Und erst am Ende, quasi als Fußnote, erwähnten sie die restriktiven deutschen Gesetze oder die harten Bedingungen, unter denen die Eltern arbeiten mussten.
Ich schätze die Offenheit der Betroffenen hoch, die bei den Interviews sicherlich eine innere Barriere überwinden mussten. Im Entstehungsprozess des Buches habe ich schließlich erfahren, dasses ihnen generell nicht fällt, über diesen Teil ihrer Biografie zu reden, wobei sie sich solch schwierige Wahrheiten eingestehen müssten, wie beispielsweise die Tatsache, dass sie keine Liebe zu ihrer Mutter empfinden. Die meisten der interviewten Personen erzählten ihre Geschichte zum ersten Mal. Sie gaben sich bei den Gesprächen große Mühe, zu reflektieren, was die frühen Erfahrungen im Laufe der Zeit bei ihnen bewirkt haben. Ich möchte all diesen Menschen danken, die mit ihrer Offenheit und ihrem Vertrauen mir gegenüber die Entstehung dieses Buches möglich machten. Ebenso natürlich den Expertinnen und Experten, die ihr Wissen mit mir teilten und mir so zu einem tieferen Verständnis beispielsweise von kindlichem Empfinden, Traumatisierung und Überlebensmechanismen verhalfen.
Ich hoffe, dass dieses Buch dazu beiträgt, dass die ehemals in der Türkei zurückgelassenen Töchter und Söhne die Fesseln des Gefühls abstreifen können, nicht verstanden zu werden und nicht reden zu können. Es ist meine Hoffnung, dass sie, die seinerzeit kein Mitspracherecht über ihr eigenes Leben hatten, nunmehr mitsprechen.
Ich hoffe auch, dass dieses Buch, das erstmals das Thema der zurückgelassenen Kinder behandelt, eine Aussprache zwischen den MigrantInnen-Generationen erleichtert. Ein solcher Dialog kommt meiner Meinung nach nicht nur der familiären Harmonie zugute, denn je mehr dieses versteckte Leiden einer gesamten Generation zutage gefördert wird, je transparenter dieser entscheidende Abschnitt der 50jährigen Migrationsgeschichte gemacht wird, umso mehr wird sich der Diskurs um das Thema Migration entspannen.

Gülcin Wilhelm, Juli 2011


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