Jüdische Allgemeine, 22. 11. 2018

Es ist ein kleines Buch, und der unvermittelte Anfang macht es einem vielleicht ein bisschen schwer, wenn man diese Seite der Geschichte noch nicht kennt. Doch ist die Tür erst einmal aufgestoßen, öffnet sich der Blick auf ein atemberaubendes Panorama Istanbuls, vor dem Ni kaza en Turkiya (Kein Haus in der Türkei) eine unerwartete und deshalb so fesselnde Welt präsentiert, die einen nach dem Lesen noch lange beschäftigt.

Zusammengestellt und übersetzt wurde das Lesejuwel von dem renommierten Turkologen und Islamwissenschaftler Wolfgang Riemann.

BOSPORUS

Sechs jüdisch‐türkische Autoren erzählen vom Alltag jüdischer Familien in der Stadt am Bosporus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Es ist der zärtliche Blick zurück – auf Mütter, Väter und Großeltern, auf das, was Istanbul einmal war, was es wurde und was dies mit den Menschen gemacht hat. Die Erinnerungen gipfeln in der einfachen, aber schönen Wahrheit, dass »sie alle dazu beitragen, dass ich mich zu der Person entwickelt habe, die ich heute bin«, schreibt der in London lebende Autor und Journalist Roni Margulies in dem Text, der dem Buch seinen Titel gegeben hat.

Rund 15.000 Juden leben heute in der Türkei, allein in Istanbul gibt es mehr als 20 Synagogen. Sefardische Juden sind die große Mehrheit, Sultan Bayezid II. hatte die ihres Besitzes und ihrer Heimat beraubten Menschen Ende des 15. Jahrhunderts willkommen geheißen. Doch verliefen die 500 Jahre jüdischen Lebens im Osmanischen Reich und der späteren Türkei nicht immer friedlich: Freiheit und Unversehrtheit waren immer vom jeweiligen Sultan abhängig.

POGROM

Ein trauriger Höhepunkt in dem Erzählband ist Stella Acimans atemlose Beschreibung des Istanbul‐Pogroms im September 1955 aus der ganz persönlichen Sicht mehrerer Familien. Damals wurden Juden, Griechen und Armenier zur Zielscheibe eines zwei Tage lang tobenden Mobs.

Leichter, aber durchweg geerdet sind die Geschichten von Mario Levi, Izel Rozental, Roni Margulies, Berta Özgün Brudo und Liz Behmoaras über Ankunft und Abschied, Traditionen, Neuerungen und Barmizwa‐Feiern.

Wenn wir mit dem leidenschaftlichen Mathematiklehrer Hanri Matalon in Rente gehen, mit Familie Margulies ans Meer fahren oder mit Monsieur Burla »rabenschwarzen Mokka« trinken, verschwindet die Lebensrealität nie aus dem Blick, ist die wirtschaftspolitische Situation immer wieder Thema. Zwischen träumerischen Erinnerungen blitzt sie in präzisen Nebensätzen auf und bringt Lebensläufe auf den Punkt. In diesen Augenblicken wirft die Prosa Anker in der Sachlichkeit.

Auch wenn Namen zuweilen ungewohnt klingen und die Orte unendlich weit weg scheinen, liest man sich doch schnell mitten hinein in die bildungsbürgerliche Idylle und lächelt über die freundliche Abneigung gegenüber näheren und ferneren Verwandten.

GLOSSAR

Nach einem Glossar, das zum tieferen Eintauchen einlädt, folgt ein Essay von Laurent Mignon, Professor für Türkisch an der Oxford University, der zu beantworten versucht, was türkisch‐jüdische Literatur ist. Sein Streifzug durch die Literaturgeschichte ist die perfekte Leseliste.

Numeri 24:9, 5. 1. 2019

Ni vapor en la Mar Nero, ni mujer de Rumania, ni kaza en Turkiya!

 

 

Die Sprache die die sephardischen (aus Spanien vertriebenen) Juden bis heute sprechen, heißt „Ladino“ und lässt sich mit etwas Mühe gut verstehen, wenn man das Spanische gut beherrscht. Übersetzt lautet die Überschrift: Kein Dampfer auf dem Schwarzen Meer, keine Frau aus Rumänien, kein Haus in der Türkei! Die Juden im Osmanischen Reich und später in der Türkei halten sich alle an die Warnung. Den Juden werden Besitzungen von den herrschenden Türken schwer besteuert.

 

 

Etwa ein halbes Dutzend Ladino schreibende Schriftsteller werden vorgestellt. Wen die Erzählungen packen, kann sich diese und weitere Geschichten übers Internet besorgen – vorausgesetzt er liest Ladino oder Türkisch. Im Verlag „Auf dem Ruffel“ findet der Suchende so manchen strahlenden Edelstein. https://www.ruffelverlag.de/

 

Einige Sätze sind mit besonders aufgefallen.

 

dies war eine Schule, an der Schüler aus verschiedenen Volksgruppen gemeinsam als Osmanen unterrichtet wurden, so dass sie später mit einem höheren Schulabschluss auch andere Berufe als den des Kaufmanns ergreifen konnten.

 

Dieser wunderbare Satz zeigt die Realität. Juden und andere Minderheiten haben im Osmanischen Reich und später in der Türkei weniger Chancen als „echte“ Türken. Mit Ausnahme der unbeliebten Kurden sinkt die Zahl der Juden und Christen kontinuierlich von Jahr zu Jahr. Bis heute und bald nicht mehr.

 

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