Schon in den 1960er Jahren besangen türkische Arbeitsmigranten in ihren Liedern die »bittere Heimat«, die Deutschland hieß. Es ging um die
Trennung von Heimat und Familie, die man verlassen hatte, um in ein unbekanntes Land aufzubrechen und dort zu arbeiten. Der Schmerz aber, um den es in dem vorliegenden Buch von Gülcin Wilhelm
besonders geht, kam erst später.
Hunderttausende waren aus Anatolien nach Deutschland und in andere europäische Länder ausgewandert. Ausgewandert? Nicht wirklich. Denn der Plan war, einige Jahre im Ausland
hart zu arbeiten und dabei möglichst viel Geld zur Seite zu legen, um danach in der eigentlichen Heimat etwas aufzubauen. Den kleinen Laden, das eigene Haus, die Hochzeit, die Ausbildung der
Kinder – all das sollte die Entbehrungen, Trennungen und Sehnsüchte rechtfertigen.
Viele, die in die neue Welt aufbrachen, hatten schon kleine Kinder, die zurückblieben. Nach all den Arbeitsjahren zögerten viele Eltern die Entscheidung hinaus, wo denn nun ihr Lebensmittelpunkt
sein sollte.
Die Folge war, dass die Kinder hin- und hergeschickt wurden. Während die Großmutter in der ursprünglichen Heimat zu einer Art Ersatzmutter wurde, blieben einem die eigenen Eltern aufgrund nicht entwickelten Urvertrauens schmerzhaft fremd. In manchen Familien lebte der älteste Sohn in der Türkei und besuchte dort die Schule, während die in Deutschland geborenen Kinder die Türkei nur als Urlaubsland kannten. Ein geschwisterliches Verhältnis konnte sich so nur schwer entfalten.
Sachbuch mit Interviews von Gülcin Wilhelm
Mit einem Vorwort von Cem Özdemir
175 Seiten (12x21,5 cm), Softcover
ISBN 978-3-933847-04-1
20,00 €
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Gülcin Wilhelm beleuchtet das Phänomen »Kofferkinder« zum einen von einem wissenschaftlichen Gesichtspunkt aus und zeigt seine Entwicklung im Zuge der Arbeitsmigration in die westeuropäischen Länder seit den frühen 1960er Jahren. Zum anderen macht sie es durch die persönlichen Geschichten einer Reihe von Betroffenen aus der Nähe erlebbar.
Die »Kofferkinder« leben unter uns, und die fortwährende Migration schafft immer neue. Die Aktualität des Themas betont Cem Özdemir in seinem
Vorwort:
»Was bedeutet das für das Hier und Heute? Eine humane Migrationspolitik sollte Bedingungen, die zur Trennung von Eltern und Kindern führen, sicher nicht fördern – geschweige denn, die
Trennung gesetzlich erzwingen. Ich denke dabei an die Lage vieler Kinder und Eltern, die nur geduldet sind und keinen sicheren Aufenthaltsstatus haben. Aktuelle Vorschläge zielen darauf ab,
Kindern und Jugendlichen unter Umständen unabhängig von ihren Eltern ein Bleiberecht zu gewähren. Wir sollten unser Grundgesetz ernst nehmen, denn schließlich hält es ausdrücklich fest, dass die
Familie unter besonderem Schutze steht.«
Cem Özdemirs und Gülcin Wilhelms Vorwort können Sie hier lesen.