Der subversive Augapfel / 若松丈太郎

Gedichte

von Jōtarō Wakamatsu

Aus dem Japanischen: Abdurrahman Gülbeyaz

in einer zweisprachigen Ausgabe Japanisch-Deutsch

Aus dem umfassenden Werk des japanischen Dichters Wakamatsu hat Abdurrahman Gülbeyaz zwei Zyklen ausgewählt, »Gedichte aus der Zeit vor der Katastrophe von Tschernobyl«, »Gedichte aus der Zeit nach der Katastrophe von Tschernobyl«, und ein »Gedicht aus der Zeit nach der Katastrophe von Fukushima«, mit dem genauen Titel »Was macht den Menschen aus?«.

    Wie diese Überschriften schon besagen, ist Wakamatsus Werk eng mit einer warnenden Rolle als Dichter und Essayist verbunden. Selbst aus der Provinz Fukushima stammend kam er durch seine Prophetie einer Atomkatastrophe in Japan zu nationaler Bekanntheit. Zuvor hatte er als Mitglied eines Anti-AKW-Bündnisses acht Jahre nach der Katastrophe, das Gelände in Tschernobyl besucht und seine bereits seit 1970er Jahren ausgesprochenen Warnungen vor den Risiken der Atomkraft wiederholt.
     Zu seinem Engagement in diesem Bereich sagt Wakamatsu:

Ich habe auch Hiroshima und Nagasaki besucht und mich dort gemeinsam mit den Menschen vor Ort mit der Thematik auseinandergesetzt, von ihnen aufklären lassen. Dort bin ich zur Überzeugung gekommen, dass Atomkraftwerke und Atombomben beide die gleiche nukleare Energie nutzen, deshalb als »Missbrauch« bzw. »Fehlgebrauch« bezeichnet werden müssen und, dass es grundsätzlich falsch ist, diese Energie zur Stromerzeugung zu nutzen. Kernenergie ist etwas, das der Mensch nicht nutzen darf. Schon allein ihre Halbwertszeit liegt in einer völlig anderen Dimension als die Zeiteinheit, in der Menschen leben. Ich denke, der Mensch sollte nichts verwenden, für dessen Folgen er nicht innerhalb seiner eigenen Lebenszeit Verantwortung übernehmen kann.

     Wakamatsus Gedichte »vor Tschernobyl« widerspiegeln bereits den Kontrast zwischen dem subjektiv empfundenen Zartheit der Dinge und der sie bedrohenden Brutalität der Gewalt. Das im Herbst 1941 sechs Jahre alte Kind im Gedicht »Gedächtnis« (aus dem 1961 veröffentlichten Band Der Nachtwald) sagt zunächst: »Als ich aus der Schule nach Hause kam, steckten in meiner Tasche zusammen mit den Kieseln und Murmeln 3 Samenkörner«, um noch am selben Tag die Erfahrung zu machen: »Mitternachts wurde ich wach. Die Welt bricht entzwei, dachte ich mir. Viele, viele Panzer fahren in einer langen Kolonne hintereinander. Ob sich die Asphaltstraße nicht wund schürfe, frage ich mich, ob es nicht weh tue. Die Panzer sehen wie ein Wurm mit ekligem Muster aus. Aus dem Süden gen Norden glitten die Panzer dahin. - In jener Nacht zeigte ich meiner Mutter die Samenkörner, die an das Tarnmuster der Panzer erinnerten.«
     Im Rückblick auf sein literarisches Schaffen sagte Wakamatsu in einem kurz vor seinem Tod mit Abdurrahman Gülbeyaz geführten Interview folgendes:

Ich denke, in mir war das Bedürfnis, mich auszudrücken. Ich habe Verschiedenes ausprobiert, aber ich hatte das Gefühl, dass Literatur oder Tanka irgendwie nicht zu mir passte. Bei der Lyrik hingegen hatte ich den Eindruck, dass ich darin freier schreiben kann, so wie ich es will. Ich habe mit moderner Lyrik angefangen, Shimazaki Toson zum Beispiel ist berühmt, aber ich dachte: »Das ist keine Lyrik für mich«. Ich habe nicht viel sogenannte moderne Lyrik gelesen. Kusano Shimpei hat während des Krieges schreckliche Gedichte geschrieben. Das Gleiche gilt für Miyoshi Tatsuji und andere; ich traue Leuten nicht, die während des Krieges Gedichte geschrieben haben, die der nationalen Politik entsprachen. Ich habe das Gefühl, dass man mich in meiner Kindheit über den Krieg belogen hat. Aus dem Wunsch heraus, nie wieder belogen zu werden, habe ich das Bedürfnis, diese Dinge für mich klar und konsequent aufzuarbeiten. Ich lernte zuerst Mitsuharu Kaneko kennen und las dann Shigeharu Nakano und Hideo Oguma. Die anderen Leute, die schon vor dem Krieg geschrieben hatten, überzeugten mich nicht. Auch in diesem Sinne bin ich ein Nachkriegsdichter.  (Interview hier in Gänze zu lesen)

 

 Autor Jōtarō Wakamatsu

 Übersetzer Abdurrahman Gülbeyaz

Illustratorin Saori Hasegawa

 

Der subversive Augapfel

Gedichte von Jōtarō Wakamatsu, ausgewählt und aus dem Japanischen übersetzt von Abdurrahman Gülbeyaz mit Illustrationen von Saori Hasegawa

Mit einem Interview des Übersetzers mit dem Dichter

Zweisprachige Ausgabe: Japanisch und Deutsch auf gegenüberliegenden Seiten

96 Seiten (11x21,5 cm), Softcover
ISBN 
978-3-933847-09-6

20,00 €

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