Die Großmutter

Das Buch einer türkischen Anwältin über ihre armenische Herkunft und den Völkermord bricht in der Türkei ein Tabu


von Günter Seufert


Sommer 1915. Das armenische Dorf Haba östlich der Provinzhauptstadt Elazig weiß nichts davon, dass die jungtürkische Regierung bereits im Mai den Befehl für die Umsiedlung der anatolischen Armenier in die syrische Wüste gegeben hat. Gendarmen fallen ins Dorf ein, sperren Frauen und Kinder in den Kirchhof und nehmen die Männer fest. Auf den Schultern ihrer großen Schwester stehend, blickt ein Mädchen über die Kirchhofmauer und kann nur stockend erzählen, was es sieht: Die Gendarmen schneiden den Männern des Dorfes die Gurgel durch und werfen die Leichen in den Fluss. Nur wenige Tage später beginnt der Todesmarsch der Frauen und Kinder gen Süden. Sechshundert- bis Achthunderttausend der damals 1,5 Millionen Armenier Anatoliens werden ihn nicht überleben. Auf der Höhe von Diyarbakir, im Städtchen Çermik, nimmt ein türkischer Gendarm, ihr späterer Stiefvater, Heranusch ihrer Mutter ab.

In der Kleinstadt Maden, die auf halber Strecke zwischen Elazig und Çermik liegt, wird Jahrzehnte später Fethiye Çetin geboren. Als Türkin. Nun hat die Rechtsanwältin Çetin die Geschichte von Heranusch Gardarian, die ihre Großmutter war, aufgeschrieben und mit ihrer eigenen Geschichte verbunden.


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http://www.zeit.de/2005/07/Die_Grossmutter

 

 

Schock und Trauma, Lüge und Versöhnung

Fethiye Çetin erzählt von ihrer armenischen Großmutter


von Norbert Mecklenburg

 

„Wir haben Oma verloren.“ Eine türkische Beerdigung im Jahre 2000: Auf einer Steinbahre vor der Moschee die Leiche einer 95 Jahre alten Frau. Für die Zeremonie werden die Namen ihrer Eltern benötigt und von Angehörigen genannt. Da bricht es plötzlich aus der Enkelin, der fast ein halbes Jahrhundert später geborenen Erzählerin und Autorin des Buches, das mit dieser Szene beginnt, heraus: „Aber das stimmt nicht! Ihre Mutter heißt nicht Esma, sondern İsguhi. Und ihr Vater heißt nicht Hüseyin, sondern Hovannes!“ Da beginnen zuerst die Tanten und dann alle Frauen zu weinen. Auch die Störerin Fethiye selbst, die den Kopf senkt vor Scham, „unsere Lüge selbst hier fortsetzen zu müssen“.

 

Die Lüge aber ist nicht nur die Lebenslüge einer Familie, sondern eine bis heute verbittert festgehaltene Kollektivlüge in der ganzen Türkei. Denn die richtigen, die armenischen Namen enthüllen die Herkunft der Verstorbenen: Sie gehört zu jenen in die Zehntausende gehenden zwangsweise zu Türken und Muslimen gemachten Überlebenden des Völkermords von 1915, den weite Teile der türkischen Gesellschaft bis heute ebenso krampfhaft wie aggressiv abstreiten. Dass sie dieses Geheimnis nicht ins Grab mitnimmt, liegt an ihrer Enkelin, der sie es bereits vor Jahren anvertraut hat. Davon handelt das zutiefst anrührende Buch „Meine Großmutter“, eine Doppelbiographie. Es bietet die Geschichte der Heranuş Gadarian, die als Zehnjährige auf dem Todesmarsch ihrer armenischen Mutter geraubt wird und von da ab ihr langes Leben als Türkin und Muslimin lebt, die längste Zeit in dem uralten ostanatolischen Städtchen Maden am Tigris, an der ‚Seidenstraße’. Den Erzählrahmen dafür bildet die Geschichte ihrer Enkelin in der Beziehung zu ihrer Großmutter. Diese hat ihr das furchtbare Geheimnis, in der Hoffnung, mit ihren armenischen Verwandten in Amerika Kontakt zu finden, eines Tages vertraulich mitteilt. Bis dahin hat sie sechzig Jahre lang geschwiegen, aus Angst vor Erniedrigungen und Drangsalierungen als ohnehin permanent verdächtigte „Konvertitenbrut“.

 

Dieses Wissen ist für die junge Fethiye, die in strammem türkischen Nationalismus samt seinen Geschichtslügen aufgewachsen ist, zuerst ein Schock, dann lange Zeit eine bedrückende Last und wird erst mit dem Tod der Großmutter eine persönliche und gesellschaftliche Aufgabe. Denn mit der Todesanzeige in der armenisch-türkischen, von Hrant Dink herausgegebenen Wochenzeitung „Agos“ bringt sie einen Stein ins Rollen. Sie selbst beginnt nun erst, rund dreißig Jahre nach den Eröffnungen Sehers, mit Recherchen, die dann zu ihrem Buch „Anneannem“ (d. h. ‚Meine Großmutter’) werden. Mit dessen Publikation erschüttert sie 2004 ihre türkischen Leser und regt viele weitere biographische Recherchen mit ähnlichem Hintergrund an. (Sie selbst hat, zusammen mit Ayşe Gül Altınay, unter dem Titel „Torunlar“ 2009 eine Sammlung biographischer Berichte über eine ganze Reihe weiterer ‚Enkel’ veröffentlicht.)

 

Das Schicksal einer einzigen armenischen und türkischen Familie rührt viele Türken ungleich stärker an als die Erkenntnisse der internationalen Geschichtsforschung zum Armenier-Genozid. Ein Damm ist gebrochen, eine öffentliche kritische, nicht mehr apologetische Debatte, mutig eröffnet von dem Historiker Halil Berktay, setzt gleichzeitig ein, 2005 findet eine internationale Konferenz in Istanbul statt, viele Türken schämen sich für die Untaten der Jungtürken-Diktatur und für die Unbelehrbarkeit heutiger Politiker in Regierung und Opposition sowie vieler rechter und linker Intellektueller. Im Jahre 2000 noch publiziert Ahmet Ümit den zwar klugen und gut geschriebenen Archäologen-Krimi „Patasana“ (auf Deutsch: 2009), versteckt als typisch ‚linker Nationalist’ in ihm aber in historischer Verkleidung die traditionell schiefe türkische Sicht auf den Genozid von 1915. Aber 2006 bringt Elif Shafak ihren beachtlichen Roman „Der Bastard von Istanbul“ heraus (deutsche Übersetzung 2007, inzwischen leider vergriffen), der in Form einer temperament- und humorvoll erzählten türkisch-armenischen Frauen- und Familiengeschichte vorbildlich ‚Trauerarbeit’ vorführt. Als Fethiye Çetins Freund Hrant Dink 2007 im Auftrag nationalistischer Kreise ermordet wird, übernimmt sie in dem Prozess als Anwältin bis heute die Vertretung seiner Familie und ist unermüdlich engagiert, die Hintergründe dieses politischen Verbrechens aufdecken zu helfen.

 

Die Leitfragen, die das Buch durchziehen, lauten: Wie erträgt ein Mensch, der überlebt hat, weil zwangsweise integriert in die Gesellschaft der Täter, als Individuum das Grauen der Erinnerung an die Opfer, wenn das ganze, fast ein Jahrhundert lange Leben hindurch eisernes Schweigen und kollektives Verdrängen herrschen? Welche tragische Enttäuschung muss es für Heranuş geblieben sein, die noch erlebt, wie eine ihrer Enkelinnen Großmutter wird, dass sie ihre armenischen Verwandten in Amerika, ihre überlebenden Eltern, Geschwister und deren Nachkommen, nie mehr hat sehen können, teilweise zumindest durch Schuld ihres türkisch-nationalistischen Sohnes? Und wie erträgt und verarbeitet die Enkelin den radikalen Riss in ihrem Leben, den die Eröffnungen ihrer Großmutter bewirkt haben?

Diese letzte Frage impliziert einen Appell an die türkischen Leser: Wenn Fethiye es schafft, dieses schwere persönliche Trauma zu verarbeiten, dann müssten sie, erschüttert durch die Lektüre, es schaffen, sich wenigstens von der kollektiven Lüge endlich zu befreien.

 

Diesen leitenden Fragen sehr genau entsprechend ist das Buch literarisch organisiert. Denn es ist durchaus kunstvoll gestaltet, auch wenn die Erzählsprache unprätentiös einfach ist, aber gerade dadurch direkt anzurühren vermag. Die Rahmenstruktur besteht, wie gesagt, in Einbettung der Seher-Heranuş-Geschichte in die ihrer Enkelin Fethiye. Daraus entsteht ein spannungsvoller Wechsel der Perspektiven in einer Abfolge von zwei Dutzend meist recht kurzen Abschnitten, die vielfach miteinander verklammert sind. Knotenpunkte bilden, am Anfang, die Beerdigungsszene, und, genau in der Mitte, das Gespräch, in dem die Großmutter ihrer Enkelin ihr Geheimnis eröffnet. Den Schluss bildet eine Episode, mit der das Farbfoto Erklärung findet, das die Buchinnenseiten der deutschen Ausgabe schmückt: Fethiye besucht ihre armenischen Verwandten in New York und das Grab der Eltern ihrer Großmutter in New Jersey.

 

Das aber ist kein weiterer Erzählknoten, sondern im Gegenteil, eine Knotenlösung. Denn die amerikanischen Verwandten, in Türkenhass aufgewachsen, versöhnen sich mit ihrem türkischen Familienzweig, dessen bestmögliche Botschafterin Fethiye ist. Nicht eingeschlossen in die Versöhnung sind selbstverständlich jene, die weiterhin „den Völkermord abstreiten“. Dieser exemplarische Prozess einer „critical reconciliation“ (Ayşe Gül Altınay) wäre zugleich ein Modell, das sich verallgemeinern lässt in Hinblick auf die wünschbare Beziehung von Armeniern und Türken überhaupt. Fethiye Çetin hat mit „Meine Großmutter“ ein Buch geschrieben, das offene Leser erschüttern muss und nur betonköpfige verbittern kann.

 

In Ton und Substanz ist es ein ungewöhnlich warmherziges und weises Buch, das es versteht, das Menschliche zu zeigen, ohne das Unmenschliche zu beschönigen. Da geht es einerseits um die schlimmen Erfahrungen von Heranuş: von den Szenen des Grauens, an der Spitze die des Ertränkens von zwei ihrer Cousinen durch die Großmutter im Tigris, aber auch: Wiederfinden und Wiederverlieren des gleichfalls überlebenden Bruders Horen oder qualvolle Loyalität gegenüber ihrem ‚Retter’, dem Ziehvater, der zu den Tätern gehört. Aber andererseits geht es auch um die bewundernswerten Eigenschaften Sehers, an der Spitze ihre selbstlose Hilfsbereitschaft, um ihren ebenso freien wie frommen Umgang mit Religion, um gemeinsame Freude am Essen einschließlich Wissen um besonders gute Rezepte, oder um liebevoll eingestreute Lieder und Märchen. Es kommt eben nicht nur auf Wissen an, sondern mehr noch auf Empathie. Denn nicht jenes, nur diese vermag die herrschende Verhärtung allmählich zu lösen.  

 

Die deutsche Ausgabe ist, wie die sehr gut von Maureen Freely übersetzte englische, liebevoll ausgestattet: mit einer Serie von kommentierten Fotos zur Familiengeschichte sowie nützlichen Sacherläuterungen. Die Übersetzung von Christina und Tevfik Turan liest sich gut, allerdings gibt es, besonders in der zweiten Hälfte des Buches, eine Reihe von Sprach- und Korrekturfehlern. Format und Bindung sind so, dass man das Büchlein zwar gut lesen, aber schwer aufschlagen und aufgeschlagen lassen kann. Eine deutsche Ausgabe war längst überfällig, denn andere Publikationen zu „Aghet“, d. h. zum Armenier-Genozid, zuletzt Armin T. Wegners erschütternder Lichtbildvortrag „Die Austreibung des armenischen Volkes in die Wüste“, zeigen auch die deutsche Schuldverstrickung in dieses düstere Ereignis aus dem ersten Weltkrieg.

 

Die türkische geht so lange weiter, wie das aggressive Leugnen weitergeht, das bis zu Mord wie dem an Hrant Dink führen kann. Am 18. Januar 2012 wurde dieser Mord-Prozess in erster Instanz abgeschlossen, mit Freispruch für einen der vermutlichen Mordanstifter, eine Schande für die Gerechtigkeit und für die türkische Justiz. Denn schon 2008 hat eine Kommission des türkischen Parlaments eine klare Verwicklung von Polizei und Gendarmerie in den Mordfall Dink herausgefunden. Der europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat dem türkischen Staat schwere Verletzung seiner Schutzpflicht gegenüber dem Ermordeten nachgewiesen. Und eine Untersuchung im Auftrag des türkischen Staatspräsidenten ist zu dem Schluss gekommen, dass nicht von Einzeltäterschaft, sondern von einem organisierten politischen Verbrechen auszugehen ist, in das staatliche Stellen involviert sind. Fethiye Çetin lebt als Anwältin und Menschenrechtsaktivistin gefährlich, und sie weiß das. Auch von hier aus gesehen, verdient ihr Buch „Meine Großmutter“ besondere Anerkennung dafür, dass es ganz unaggressiv, ganz im Geist von Hrant Dink, auf Versöhnung setzt.

 


Interview mit Fethiye Çetin über Armenier in der Türkei

»Die armenische Frage geht uns alle an«

Interview: Christian Meier (Zenith)

Bitte lesen Sie unter zenithonline.



Enthüllung einer Biografie

 

von Monika Carbe

 

„Meine Großmutter“, ein Buch der Erinnerungen, ist die Lebensgeschichte der Armenierin Heranuş, die, hochbetagt, im Jahr 2000 als Türkin Seher stirbt. Wenige Jahre vor ihrem Tod hat die Autorin und Ich-Erzählerin, ihre Enkelin, die Juristin Fethiye Çetin, ihr das Geheimnis ihrer verborgenen Biografie entlockt. Es handelt sich um den – durchaus gelungenen – Versuch, die Lebensumstände einer Frau zu rekonstruieren, die ihre eigentliche Vergangenheit, ihre Kindheit und frühe Jugend dem Vergessen anheimfallen lassen wollte – oder musste –, um ein Leben, das durch die Verfolgung, Deportation und Ermordung der Armenier im Osmanischen Reich gebrochen wurde, als Heranuş fast noch ein Kind war.

 

Nach einer behüteten Kindheit muss sie den Horror der Vertreibung erleben, die Familie wird auseinandergerissen, sie wird als „Zögling“, als Pflegetochter im Haus eines Gefreiten und seiner Frau aufgenommen und erhält den Namen Seher. Der Ziehvater ist rührend um ihre Erziehung bemüht, seine Frau allerdings verhält sich ihr gegenüber abweisend. Sie heiratet früh, nimmt die neue Identität klaglos an und offenbart sich erst im hohen Alter ihrer Enkelin, die nun daran geht, die verwandtschaftlichen Beziehungen zu den in den USA lebenden Familienangehörigen zu erforschen und verschollen Geglaubte ausfindig zu machen.

 

Da die Autorin mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern nach dem Tod des Vaters im Haus der Großeltern aufgewachsen ist, bietet sich ihr die Möglichkeit, sich viele Szenen aus ihrer eigenen Kindheit zurückzurufen, in denen die Großmutter eine tragende Rolle spielt. Liebevoll wird Seher als Matriarchin und Ehefrau geschildert, mit einem bewundernswerten Durchsetzungsvermögen, vor allem gegenüber dem launenhaften Großvater, mit Herzenswärme und pädagogischem Geschick.

 

Vieles wird detailgetreu und in atmosphärischer Dichte dargestellt, die Erinnerungen an die Kindheit und Jugend der Großmutter sind eng mit den Erinnerungen der Ich-Erzählerin verwoben; es handelt sich um real fiction, um die Aufarbeitung zweier Lebensgeschichten, mit vielen einfühlsamen Schilderungen des alltäglichen Lebens; zugleich hat der Band dokumentarischen Wert, nicht zuletzt, weil ihm Fotografien der Familie aus verschiedenen Lebensphasen beigegeben sind.