Interview mit Fethiye Çetin über Armenier in der Türkei

18.10.2013

»Die armenische Frage geht uns alle an«



Vor Gericht vertritt Fethiye Çetin die Hinterbliebenen des armenischen Journalisten Hrant Dink. Dabei entdeckte die türkische Anwältin armenische Wurzeln in ihrer eigenen Familie. Ein Fakt, der die türkische Identität in Frage stellt.



  

zenith: Ihr Buch »Meine Großmutter« enthält traurige, auch sehr brutale Schilderungen, aber auch idyllische Passagen – etwa wenn Sie die Kindheit Ihrer Großmutter Heranusch beschreiben. Wenn es nach Ihnen geht: Welcher Eindruck sollte beim Leser hängen bleiben?

 

Fethiye Çetin: Ich wollte mit dem Buch mehrere Dinge erreichen: Zum einen eine Enttabuisierung. Ich wollte, dass das Schweigen gebrochen wird, das Frauen wie meine Großmutter umhüllt ...

 

... eine Armenierin, die 1915 während des Völkermords von einem türkischen Offizier von ihrer Familie getrennt worden ist und so dem Tod entkam ...

 

Es gibt viele solcher Frauen, die als Kinder oder junge Mädchen adoptiert und islamisiert worden sind – und die dadurch ihrer Identität beraubt wurden. Die sogenannte »armenische Frage« geht nicht nur die Armenier an, sondern uns alle. Zum Zweiten wollte ich vermitteln, dass die offizielle Geschichtserzählung in der Türkei nicht stimmt. Eigentlich gilt für uns alle eine ganz andere Geschichte, die aber verschwiegen wird. Und schließlich wollte ich, dass die Diskussion um die Vergangenheit, die bisher vor allem mit der kalten Sprache der Zahlen geführt worden ist, durch etwas anderes ersetzt wird: durch Geschichten von Menschen. Denn diese Geschichten trennen uns nicht. Im Gegenteil, sie können uns verbinden.


Welche Reaktion folgte auf das Erscheinen Ihres Buches?

 

Das Buch hat das Schweigen gebrochen. Eigentlich erinnerte sich jeder an etwas, aber diese Erinnerungen waren in die hintersten Ecken unseres Gedächtnisses verbannt worden. Auf einmal begannen viele, sich wieder zu erinnern – und das aufzuschreiben. Nach der Veröffentlichung von »Meine Großmutter« bekam ich viele Anrufe und E-Mails von Leuten, die sich mit mir treffen und mir ihre eigenen, ganz ähnlichen Geschichten erzählen wollten.

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